Silvio Mattioli: «Schmieden ins Nichts hinein...»

Im Kunst- und Kulturraum see301 an der Seefeldstrasse 301a.

Tinguely, Luginbühl, Mattioli: Drei Namen, drei Zeitgenossen, drei Revolutionäre, die in der Schweizer Bildhauerkunst neue Dimensionen geschaffen haben. Während bei Tinguely die Umsetzung elementarer Kraft in Bewegung und bei Luginbühl das Zusammenspiel von Masse und Energie zum lebenslangen Thema wurden, so ist es bei Mattioli die Verwandlung des Eisens, «bis eine physische Bewegtheit entsteht und der Plastik eine energievolle, lebendige Ausstrahlung verleiht», wie er diesen Prozess selber beschreibt. Ein Schöpfungsakt, der die ganze physische und psychische Kraft des Künstlers erfordert.

Dass Mattioli zum Eisen fand, ist kein Zufall: «Das Schmieden lag mir im Blut», sagt der Nachfahre von italienischen Eisenschmieden. Um seine Bestimmung zu finden, brauchte es jedoch zuerst den Umweg über die konventionellen Materialien Stein und Holz, mit denen Mattioli die ersten Erfahrungen nach seiner Ausbildung zum Bildhauer sammelte. Doch er war damit nicht glücklich, genauso wenig wie mit der Malerei, für die er sich in seiner jugendlichen Verehrung für Vincent van Gogh eine Zeit lang ebenfalls interessierte. Der Künstler in ihm suchte nach einer neuen Form des Ausdrucks, weg von der traditionellen Volumengestaltung zu einer raumgreifenden, expressiven Kunst. «Schmieden ins Nichts hinein» als «spontaner Ausbruch aus der Tiefe des Wesens».

Am deutlichsten äussert sich diese Symbiose aus expressiver Kraft und sublimer Innerlichkeit in Mattiolis Spätwerk, aus dem die meisten Exponate stammen, die an der Ausstellung zu Ehren des 80. Geburtstags des Künstlers in der Galerie see301 zu sehen sind. Darunter die Kettenplastik, die Mattioli unter dem Eindruck der Krankheit und des Todes seiner Frau Ruth im Jahre 2002 geschaffen hat, und die der Kunsthistoriker Matthias Frehner als Mattiolis „aufwühlendstes und ergreifendstes Werk» und als eines seiner herausragendsten Meisterwerke bezeichnet.

In Mattiolis Werk, dessen Grossplastiken im öffentlichen Raum ganz bewusst eine dominante Rolle einnehmen, ist die existentielle Auseinandersetzung mit den Gegensätzlichkeiten des Lebens stets spürbar. Symbolhaft für seine tiefe Religiosität jenseits von Kirche und Konfession stehen zwei immer wiederkehrende Sujets: das Kreuz als Läuterung, als Katharsis, und die Flügel als Überwindung der Schwerkraft. Beide Symbole enthalten sowohl das Gefangensein im irdischen Dasein als auch die Freiheit der geistigen Dimension. Die Ausstellung wird komplettiert durch eine Auswahl von Zeichnungen, entstanden als Entwurf zu einem seiner Werke oder als Reflexion über ein bereits geschaffenes. Sie tragen genauso die unverkennbare, von der Leidenschaft des Lebens geprägte Handschrift Mattiolis.